RIETVELDACADEMIERESIDENZGELSENKIRCHEN 14

BOCHUMER STRASSE SPRICHT

1 street, 44 projects, 42 students from 17 countries

In October 2015, students of the Rietveld Academie der Künste - Fine Arts and DesignLab from Amsterdam presented the results of their one-week residence in Gelsenkirchen's Halfmannshof. The goal of this project was to creatively interfere in the urban quarter around the Bochumer Straße in Gelsenkirchen in oder to give an positive impact and incite change.

This project showed which potentials (international) creative artists can bring and awaken to controversial urban spaces like Bochumer Straße. Here, the idea of "culture through change - change through culture", which had been the guiding principle during the Capital of Culture year 2010 in Essen, once again became reality. Because at Bochumer Straße, art and culture made a contribution to the transformation of a socially and structurally challenging urban quarter.

 

1 Straße, 44 Projekte, 42 Studenten aus 17 Ländern

Die erste Durchführung der RietveldAcademieResidenzGelsenkirchen.fand mit mehr als 40 Studierenden und 8 Lehrenden der Gerrit-Rietveld-Academie Amsterdam sowie einem Vor-Ort-Team aus dem Ruhrgebiet vom 12. Bis 24. Mai 2014 statt. 

Die sehr vielfältigen Arbeiten der Studierenden der Abteilung Schöne Künste fanden ihre Inspiration in der Kohlevergangenheit der Region, durchsetzt mit den unterschiedlichen sozialen, städtischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, denen sich Gelsenkirchen gegenübersieht, genauso wie mit der vielfältigen Vergangenheit und dem derzeitigen Bild der Stadt. Die Studierenden widmeten sich der Erforschung der Bochumer Straße und gaben, am Ende ihrer Reise, der Öffentlichkeit die Chance, alles das zu sehen, als sie ihre Werke allen zeigten, die neugierig waren und willens, mitzumachen. 

Film, Installation, Performance, Musik, Theater, Fotografie und Malerei reihten sich am 22., 23. und 24. Mai an der Bochumer Straße auf, in Ladenlokalen, direkt auf der Straße selbst und in offenen Plätzen und Räumen, in einem gemeinsamen Projekt der RietveldAcademie Amsterdam und der Stadt Gelsenkirchen, Referat Kultur. 

Ein schnelles, außergewöhnliches, wichtiges Experiment. Ganz anders als jene „Kunst-Events“ mit jahrelanger Vorlaufzeit, vorgeschalteter Sponsorenkampagne, abgesicherter Logistik, ausgeklügelten Finanzen. Dies hier war spontan, unkonventionell, inspirierend, man betrat Neuland, besetzte neue Räume, lotete Grenzen aus, und das immer mit dem Risiko des Scheiterns.

Eine besondere Herausforderung, logistisch, personell, konzeptionell, finanziell.

Doch eine große Chance für die Revitalisierung im Kreativ.QuartierÜckendorf. 

Dieses Projekt zeigte schließlich, welche Potentiale (internationale) kreative Künstler an die Bochumer Straße bringen oder dort wecken können. Hier konnte der schon während des Kulturhauptstadtjahres 2010 handlungsleitende Gedanke „Kultur durch Wandel-Wandel durch Kultur“ wieder einmal Realität werden, denn in der Bochumer Straße wollten Kunst und Kultur einen Beitrag zum Wandel eines sozial und strukturell besonders herausgeforderten Stadtquartiers leisten.

In Düsseldorf erkannte das Generalkonsulat des Königreichs der Niederlande die weiterführenden Chancen einer solchen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und engagierte sich nicht nur finanziell, sondern auch durch die Herstellung weiterführender Kontakte, die für die Zukunft wichtig werden können. 

Die oft spontane, unkomplizierte Unterstützung von Institutionen und das Engagement vieler Einzelpersonen in Gelsenkirchen gab all jenen Kraft, die in der vordersten Linie standen bei dem ehrgeizigen Versuch, innerhalb von 91 Tagen mehr als 40 junge, überwiegend nicht deutsch sprechende Künstlerinnen und Künstler mit ihren sehr speziellen, öfter mal auch wechselnden, Ideen knapp zwei Wochen lang an der Straße Unterkunft, Verpflegung, Kontakte, Inspirations- und Arbeitsräume zu beschaffen. Es machte ihnen - allen voran Christiana Henke (Projektleitung) und Julian Rybarski (Übersetzung, Koordination) – deutlich, wie sehr eine Revitalisierung des Stadtquartiers Bochumer Straße gewünscht und erhofft wird durch die Hilfe von Kunst und Kreativer Ökonomie. Wie richtig und wichtig die RietveldAcademieResidenzGelsenkirchen dabei ist!

Vom örtlichen Baumarkt bis zum Technikpool der Ruhrtriennale, von lokalen Immobilienbesitzern bis zum Stadtdirektor und Stadtbaurat Michael von der Mühlen, der die Zuwendungen für seinen Geburtstag dem Projekt zuleitete – sie alle erkannten das besondere Potential dieses 14-tägigen Kunstprojekts und brachten sich ein. 

Die jungen Künstler/innen stiegen am 12. Mai mit vielen Ideen und Vorstellungen aus dem Bus, die sie abrupt mit der Realität konfrontieren mussten. Die Neugier der internationalen Studierenden wuchs, wobei einige sich durch ähnliche Orte in ihren jeweiligen Heimatländern mit einer bekannten Situation konfrontiert sahen. Ihr klares Ziel war es, in Gebäuden mit Geschichte zu arbeiten und diese künstlerisch zu verändern, Erfahrungen auszulösen, nicht nur für sich und durch sich selbst, sondern auch für die Anwohner und alle, die die Ergebnisse des Projektes besuchen wollten.

Für die Professorenschaft galt gleichsam die Herausforderung, herauszufinden, wie eine Erfahrung, der sich Kunststudierende nicht häufig gegenübersehen, fruchtbar gemacht werden konnte: Das Erschaffen von Kunst in direktem Kontakt und in fließendem Übergang mit dem Leben, durch einen ungefilterten Kontakt mit einem Publikum 

Die Studierenden entdeckten und änderten, erfanden neu und verwarfen wieder, erschlossen sich Räume und die Straße. Und sie präsentierten nach zehn Tagen 44 Kunstprojekte bzw. Ergebnisse künstlerischen Engagements. Filme und Installationen, Fotoprojekte und Performances, Theater und Malerei und Musik auf eigens erstellten Instrumenten. Sie nutzen nicht nur das Material, dass sie in den Räumen und auf der Straße vorfanden. Besonders beeindruckend war, dass viele Künstler/innen sich insofern der örtlichen Bevölkerung „auslieferten“, als ihre Kunstideen nur mit der selbstaktiven Unterstützung der Straßenanwohner zu realisieren gewesen waren. Hätte die sehr multikulturelle Anwohnerschaft nicht über alle Sprachbarrieren hinweg mitgemacht, wäre ihre künstlerische Arbeit schlicht gescheitert. Aber sie scheiterte nicht. Das Projekt stellte sich als Erfolg heraus. Die Energie, welche die Studierenden des ersten Jahres der Bildenden Kunst an der RietveldAcademie freisetzten, glich dem Enthusiasmus der Menschen, die dort lebten. Es war nicht nur eine Frage der künstlerischen Entwicklung, sondern auch des Verstehens eines vielschichtigen Teils von Gelsenkirchen.

Die Studierenden passten ihre Konzepte an, sie nahmen Einflüsse auf, sie wuchsen daran. Ein spannender, ein inspirierender Prozess. „BochumerStrasseSpricht“ wurde mehr als nur ein Projektname!

 

  

RIETVELDACADEMIERESIDENZGELSENKIRCHEN 14 / DETAILS 

RIETVELDACADEMIERESIDENZGELSENKIRCHEN 14 TEAM

LEITUNG

Christiana Henke

KÜNSTLERISCHE KONZEPTION, ÜBERSETZUNG

Julian Rybarski

NL – KÜNSTLERISCHE KOORDINATION

Adriel van Drimmelen

PRODUKTION

Anabel Starosta und Fleur Vogel mit Astrid Meier und Bettina Pahlen

ÜBERSETZERINNEN

Marie Zimmermann, Anne Burzlaff und Theresa Deckert

 

TECHNIK

Jörn Nettingsmeier (Leitung Technik) mit Alice Grümmer, Jens Meier, Simao Santo, Matthias Plewka und Hendrik Freund

SZENOGRAPHIE

Olga Kroehmer (Szenographie)

 

VERANTWORTLICHE PROFESSOREN:

Prof. Joost van Haaften und Prof. André Klein

GRAFISCHE KOMMUNIKATION

Alina Lupu, VityaGlushchenko

KOMMUNIKATION PRESSE

Hella Sinnhuber, Christiana Henke

 

Ein Projekt der Stadt Gelsenkirchen, Referat Kultur

in Zusammenarbeit mit der Gerrit RietveldAcademie, Amsterdam

 

 

 

RIETVELDACADEMIERESIDENZGELSENKIRCHEN 14 FÖRDERER

Die RietveldAcademieResidenzGelsenkirchen 2014 wurde ermöglicht durch:

 

das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, das Generalkonsulat des Königreichs der Niederlande in Düsseldorf, die Stadt Gelsenkirchen, die Sparkasse Gelsenkirchen, die Stadterneuerungsgesellschaft Gelsenkirchen mbH, die Fa. Holz-Meyer KG, einen persönlichen Spendenaufruf des Staatssekretärs Michael von der Mühlen (vormals Stadtdirektor)      

 

Für die räumliche Unterstützung ist zu danken:

 

dem Wissenschaftspark Gelsenkirchen mbH, der Firma Baulogistik Schick, der Deutschen Annington Immobilien GmbH, dem Bistum Essen, Mehmet Aydogan, MA Finanz- und Immobilien GmbH      

 

 

Für die technische und materielle Unterstützung ist zu danken:

der Kultur Ruhr GmbH, der Firma rost:licht, dem Tabakladen Gelsenkirchen, dem THW-Ortsverband Gelsenkirchen, der Gafög, dem Internationalen Mädchengarten

 

Für das persönliche Engagement ist zu danken:

Dr. Siegbert Panteleit, Ferhat Tuncel und Kenan Sarak, den Mitarbeitern der ELE GmbH, der gkd-el, der Stadtverwaltung Gelsenkirchen und GELSENSPORT, den Lehrern und Schülern der Gesamtschule Ückendorf, Bernd und "Walli" vom Bauspielplatz sowie besonders Markus von Osenbrüggen

  

RIETVELDACADEMIERESIDENZGELSENKIRCHEN 14 / PROJEKTE 

As everything near becomes distant, everything distant becomes near (and back again)

Rick van de Dood (Niederlande)

Eine Einladung, an andere Orte zu denken, oder die Strecke zwischen zwei Räumen zu bereisen.

Zwei Orte an der Bochumer Straße wurden mit jeweils einem Text versehen: Einer mit „HIER IST NICHT DA“ und der andere mit „DA IST NICHT HIER“. Die zwei Markierungen binden den Raum zwischen ihnen zusammen.

Ort:An beiden Eingängen zum Projektraum (Bochumer Straße 74 und 169)

Schwimmende Skulpturen

Lillian Vlaun  (Niederlande)

Wenn man friedlich am Wissenschaftspark sitzt, direkt an der Bochumer Straße, die Augen auf den Teich gerichtet, auf dem die Enten von einer zur anderen Seite schwimmen, während eine Schildkröte von Zeit zu Zeit wie zufällig ihren Kopf aus dem Wasser streckt, dann fällt es schwer, den sehr gegensätzlichen Klang der Baustellenfahrzeuge und des Straßenverkehrs auszublenden.

Dieser Eindruck brachte die Idee hervor, diesen Verkehr mit den Bewohnern des Teiches zu verbinden.

Als Ergebnis dann gab es schwimmende Skulpturen, die mit den Enten und Schildkröten in Kontakt treten konnten, dümpelnde, steinartige Formationen, die sich in ihre Umgebung fügten und Verkehrsschilder zeigten, um nun den Entenverkehr zu regeln.

Im Park fällt es leicht, zu vergessen, dass man in Gelsenkirchen ist, in einer schrumpfenden Stadt, die sich ihren Weg zu vergangener Größe wieder sucht. Die Intervention im Teich bringt einen zurück, während sie wiederum ihre wahre Umgebung einbezieht.

 Ort: Teich im Wissenschaftspark

Gelsenkirchen Now!

Lara Joy Evans und Lucia Del Sanchez (USA)        

Lara Joy Evans aus  Hollywood, Top Executive Speaker zu Empowerment, und Lucia Del Sanchez aus Miami Beach, Head Creative Consultant für Stadttourismus, sind nach Gelsenkirchen gekommen. Sie gaben im Wissenschaftspark ein dreitägiges, kostenloses Seminar für die Bürger Gelsenkirchens. Das Seminar hinterfragte die Identität der „Stadt der 1.000 Feuer“ neu, bestärkte die Bürger Gelsenkirchens und verwarf Vorstellungen vom Paradies.

Diese Arbeit bestand aus einer Performance, in der die beiden Künstlerinnen in die Rollen von zwei Motivationstrainerinnenschlüpften. Die Performance selbst wandelte sich von Vorträgen hin zu einer Einbeziehung der Teilnehmer_Innen. Teile des Werkes wurden auf Film festgehalten.

 Ort: Wissenschaftspark, Munscheidstraße 14, Energy Lounge

Limbo

Didi Lehnhausen (Niederlande)

Ein Film : Ein Fremder läuft durch die Bochumer Straße, eine scheinbar tote Strecke. Er folgt einem Pfad von Bewegungen und Geräusch und hofft, auf etwas Lebendiges zu treffen. Undeutliche Spuren, Geister der Vergangenheit. Folgt er den Spuren oder folgen sie ihm?

Drehbuch, Storyboard und Musik des Films wurden alle an den im Film zu sehenden Orten erstellt. Die Musik wurde inspiriert durch die Echos der Geräusche und Stimmen der Straße.

Der Fremde im Film ist den Studenten nicht unähnlich, die für zwei Wochen in die Bochumer Straße kamen, um ihre Projekte zu machen. Jeder hielt Ausschau nach Leben in den Straßen, wobei aber die meisten Funde der Vergangenheit zu entstammen schienen. Eine überwältigende Atmosphäre verblichener Größe. Auf der Suche nach Spuren wird man Teil der Spuren in leeren Geschäften und Fabriken. Der Fremde verliert sich in der Straße, in der sich niemand wirklich zuhause fühlt.

Der Film wurde auf der Fassade der Fabrik gezeigt, in der auch die letzte Szene des Films stattfindet.

Ort: Cramerweg, vor der Hundertmark-Halle

Nichts ist so dauerhaft wie ein Loch im Boden

Inger Heeschen und Signe Nord Hansen (Dänemark)

Es wurden Goldgräber in Gelsenkirchen gesichtet.

Vor 2.000 Jahren gab es hier Römer. Ihre Spuren und Schätze sind immer noch zu finden. Diese neuentdeckte Sammlung war unter dem Titel „Eldorado für jedermann“ in der Bergmannstraße 9 ausgestellt.

Die Künstlerinnen stellten eine Sammlung speziell hergestellter Stücke aus, deren Herkunft als antik ausgegeben wurde und auf diese Weise auf eine fiktive Vergangenheit verwiesen. Durch ihre Mischung aus Performance, bildender Kunst und Ausstellung stellten sie Fragen nach Authentizität und Narration. (JR)

 Ort: Bergmannstraße 9

Das Schafgarbenprojekt

Mira Liimatainen (Finnland)

Bei diesem Projekt handelt es sich um die Mission, eine taktile Farbkarte zu erstellen, welche die Geschichten und Erinnerungen ausgewählter Orte einfängt. Lokale Schafwolle wird gesponnen und mit  Pflanzenfarben aus der gleichen Gegend bearbeitet, so dass durch Stunden der Handarbeit eine wachsende Sammlung verschiedener Orte entsteht. Jedes Einzelteil gibt dabei seine unmittelbare Umgebung wieder, wenn Boden, Wasser, Jahreszeiten und Hände alle ihre Spuren hinterlassen.

Die derzeitige Sammlung umfasst:

Reykjavík, Island
Raahe, Finnland
Sólheimar, Island
Haarlem, Niederlande
Gelsenkirchen, Deutschland

Viele Kontakte zu lokalen und regionalen Urban Gardening-Projekten wurden geknüpft, um Schafwolle, Färberpflanzen und Gerätschaften zu erhalten. Darüber hinaus gab es einen regen Austausch an Erfahrungen in der Arbeit mit Färberpflanzen während des Besuches mehrerer Gärten.

 Ort: Bergmannstraße 9

Piano

Aram Jang (Südkorea)

Während der Überlegung, welche grausamen, brutalen Aspekte durch ein Kunstprojekt zum Vorschein kommen könnten, kam der Gedanke auf, welches der sanfteste, am wenigsten aggressivste Ansatz im Umgang mit einer Person oder einem Ort sein könnte.

Die Lösung lag darin, wie ein Bewohner des Viertels zu leben und die alltäglichen Regeln zu befolgen.

Das Ergebnis gleicht einem Ereignis, das so einfach plötzlich geschehen könnte. Eines Tages beginnt jemand, ein Stück Musik, das er oder sie besonders mag, auf einem Klavier zu spielen. Das gewählte Stück mag jemandem bekannt erscheinen, dennoch bleibt es schwierig, Titel und Komponist zu identifizieren.

Die Künstlerin verbrachte die Dauer der Residenz damit, jeden Tag in stetigen Wiederholungen acht Stunden lang die Titelmelodie der Filmmusik zu „Das Piano“ zu spielen und zu üben. 

 Ort: Heilig-Kreuz-Kirche, Bochumer Straße 115

Caspar David Friedrich: Rückkehr nach Rügen

Olle Stjerne und Joakim Derlow (Schweden)

”Der Mensch ist gefangen im Jetzt, zwischen Vergangenheit und Zukunft, wie auf einem Fels zwischen zwei Abgründen. Vor ihm und hinter ihm nur Dunkelheit.“

Dieses Zitat von François-René de Chateaubriand, einem Zeitgenossen Friedrichs und Begründer des Romantizismus in der französischen Literatur, wurde zu einem zentralen Punkt in unserem Stück. Die Figur des Adlers mit ihrer modernen Perspektive klagt Friedrich an, seine Rolle in der Geschichte zu vernachlässigen. Er bringt vor, dass die von Friedrich und seinen Zeitgenossen erschaffenen romantischen Landschaften das deutsche Selbstbild formten sowie eine Nationalbewegung, die schließlich im Naziregime mündete. Diese Haltung, die neuere Ethik und breiteres Wissen auf vergangene Moral und unterlegene Glaubenssysteme anwendet, ist nicht unüblich, und die meisten Menschen wären wohl der Meinung, dass wir seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts tatsächlich einen weiten Weg zurückgelegt haben.

Sieht man diese Anklagen allerdings aus der Sicht von Caspar David Friedrich, scheinen sie doch grotesk.

Wie hätte er das alles wissen können?

Die Künstler führten ein Theaterstück in einer Kirche auf, die sie durch Kulissen, Requisiten und Performance veränderten.

 Ort: Heilig-Kreuz-Kirche, Bochumer Straße 115

Come on, George!

Matthias Visschedijk (Niederlande)

Die ersten Tage habe ich damit verbracht, Tischkickerspiele im örtlichen Café zu filmen – dort, wo die Gruppe trinkend ihre Stunden verbrachte und gegen sich selbst, die Lehrer und die Bewohner antrat, daher auch der Titel der Arbeit, ein wiederkehrender Satz, der sich zunächst darauf bezog, Giorgos anzufeuern, und nach einer Weile einfach jeden, der mitspielte.

Seit einiger Zeit gab es das Vorhaben, Skulpturen aus Grassoden zu formen. Dies war der Ausgangspunkt bei der Ankunft in Gelsenkirchen. Das Tischfußballspiel gab diesem Gedanken einen Halt und einen Rahmen.

Und dann begannen die Schwierigkeiten. Der ursprünglich vorgesehene Ort wurde gegen einen förmlich, fast steif wirkenden Raum getauscht. Vier Tage vor der Eröffnung, aufgrund einer Fehlabsprache, musste ich umziehen, was es mit sich brachte, dass ich mit der Arbeit noch einmal ganz von vorne anfangen musste.

Vier Tage – mehr als eine Woche vergeudet, aber es schien doch eine gute Entscheidung zu sein. Der Druck wirkte. Er zwang mir einen bestimmten Fluss auf, den ich bisher nur beim Malen und Zeichnen erfahren hatte. Rohre wurden gelegt, Verlängerungen der Rohre aus dem Abfluss, weit in den neu zugewiesenen Raum ragend. Daraufhin wurden sie ganz in die Mitte des Raumes gezogen, über ein Stück Rasen auf dem Boden, durch einen Metallrahmen zurück in die Decke; ein Monster erwachte, ein letztes Aufbäumen eines dem Verfall gewidmeten Gebäudes.

Dabei wurde der ursprüngliche Titel beibehalten, da die weißen Rohre und das Gras den Geist des Tischkickers bewahrten.

Nach der Eröffnung fand ein Aufräumtag statt, bei dem die meisten Arbeiten auf der Bochumer Straße entfernt werden mussten. Der Geist des Tischkickers blieb. Er bleibt noch immer. Er wird erst mit dem Gebäude selbst verenden, einem Gebäude, zum Abriss bestimmt.

Der Gesang der Fabrik

Jeroen Vermandere (Niederlande)

Das Projekt war eine Studie über die Arbeiten des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen. Die entstehende Musik wurde nach seinen Vorgaben sowohl geschrieben als auch gespielt. Das selbstgebaute Instrument wurde eigens für das geschriebene Musikstück angefertigt, während der Puls von Feldaufnahmen aus Gelsenkirchens Fabriken stammte.

Das Projekt folgte Stockhausens Anweisungen zum Bau eines neuartigen Instrumentes sowohl als auch für eine neue Weise der musikalischen Erfahrung und Aufführung, sowohl klanglich als auch örtlich und in der Wahl des Klangapparates.

Ort: Bochumer Straße 119

Sandspiele

Flavia Evangelista (Brasilien) und Susan van Veen (Niederlande)

Diese spontane, kollaborative Arbeit wurde bereits zweimal innerhalb der Mauern der Gerrit Rietveld Academie und auf zwei sehr verschiedene Arten gezeigt, so dass die Entscheidung fiel, die Idee auch mit in die Bochumer Straße nach Gelsenkirchen zu nehmen. Auf diese Weise konnte die Arbeit noch ein weiteres Mal erscheinen, wiederum in anderer Form, wiederum in anderer Umgebung.

Es entstand, gemeinsam mit Kindern aus Gelsenkirchen, eine Installation.

Die Arbeit selbst bestand aus Sand, der pink eingefärbt und sorgfältig vorbereitet wurde, und dann in einer gemeinsamen Aktion der Künstlerinnen und einiger Kinder aus der Straße in einer Durchfahrt aufgeschüttet wurde, wo sie in starkem Gegensatz zu ihrer Umgebung stand. Beim Betrachten fiel so das Augenmerk zurück sowohl auf die Betonwände um das Werk als auch auf das Werk selbst.

Ort: Durchfahrt Bochumer Straße 121

Der magische Wald

Nina Kjer Andersson (Schweden)

Der zweiwöchige Aufenthalt brachte die Möglichkeit mit sich, ein altes Ladenlokal auf der Bochumer Straße als Atelier zu nutzen. Schnell fiel die Entscheidung, einfach alles zu bemalen: Boden, Wände, Decke, als ob ein Wildvogel, längst entschwunden, lediglich Farben zurückgelassen hätte als Beweis der Bewegungen in seinem einstigen Heim.

Gelsenkirchen diente dabei als Inspiration. Früher eine blühende Stadt, nun nur leere Straßen und verlassene Gebäude.

Ein komplettes Ladenlokal wurde in lebhaften Farben und figurativen Motiven bemalt.

Ort: Bochumer Straße 121, links

Ping-Pong Club Werner Wimmerl

Sophie Lingg und Doris Pollhammer (Österreich)

Die Idee von Werner Wimmerls Tischtennisklub ist es, das Spiel in die Bochumer Straße zu bringen, um den Bewohnern die Möglichkeit zu eröffnen, gratis Pingpong zu spielen. Der Klub wurde aufgebaut, um eine permanente Möglichkeit für die Bochumer Straße aufzuzeigen.

Ort: Bochumer Straße 121, rechts

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