Drei Generationen Buchbindekunst am Halfmannshof

Zu Gast bei Familie Klein

Dietmar Klein sitzt gut gelaunt am großen quadratischen Holztisch im Atelier auf dem Halfmannshof bei einer Tasse Kaffee. Kartons mit fertigen Aufträgen warten auf den Kurierdienst und in der Mitte des Tisches beschwert ein solides Gewicht einen Bucheinband – nur die Buchdeckel und Rücken, das Innenleben ist noch eine Papp-Attrappe. „Ich wollte eigentlich Flieger werden“ sagt Dietmar Klein „sehr zum Entsetzen meines Vaters, der sechs Jahre Krieg mitgemacht hatte.“ Erst als es hieß „Nur Blindflug geht nicht“ ging Dietmar Klein bei seinem Vater in die Lehre. Später, beim Ballonfahren verwirklichte sich Dietmar Klein dann doch sein Traum vom Fliegen, gemeinsam mit seiner Familie „Meine Frau machte das Sprechfunkzeugnis und meine beiden Töchter übernahmen die Verfolgung mit Auto und Anhänger - danach konnten beide Auto fahren!“ erzählt Herr Klein mit einem Glitzern in den Augen.

„Mein Vater hatte im Wohnhaus seine Werkstatt. Dieser Tisch war da drin, eine Prägepresse, der "Vergoldeschrank" und eine Pappschere – ein Raum und mehr war da nicht“. Heute befindet sich die Werkstatt im Anbau neben dem Familienhaus. Große, eindrucksvolle Maschinen stehen im Raum „Das hier sind Pressen“ sagt Dietmar Klein und zeigt auf zwei Geräte mit riesigen Bodenplatten, über denen an einer langen Schraube je eine zweite Metallplatte hängt, die mit einer Gewindekurbel hoch und runter gedreht werden kann. „Wir benutzen wasserlösliche Klebstoffe, also muss das Ganze unter Druck trocknen“ und geht zur nächsten Maschine. „Dieser Schnellschneider kann achthundert Blatt in einem Rutsch durchschneiden, heutige Maschinen schaffen nur vierhundert“ berichtet Herr Klein und erweckt mit gezielten Handgriffen den blauen Koloss zum Leben. Mit einer glatten Bewegung senkt sich das Messer für einen sauberen Schnitt.

Die Gesellenprüfung machte der der Sohn des Buchbindemeisters nach zwei Jahren, aber „zwei Kapitäne auf einem Schiff…“ sagt Dietmar Klein. Es zog ihn in die Ferne. Im Jahr 1961 „veranlasste der Berliner Senat ein Programm „Westdeutsche Arbeitnehmer für Westberlin“ erklärt Herr Klein „Man bekam ein Drittel der Steuern erlassen, einen Heimflug, und einen sicheren Arbeitsplatz.“ Also bewarb er sich gleichzeitig in Berlin und in Bonn. „Bonn war natürlich nicht begeistert“, als nach drei Monaten die Zusage aus Berlin kam und er die Stelle annahm, aber „Berlin hat mich mehr gereizt. Das war ganz was anderes!“ In Berlin war Dietmar Klein bei einer der größten Buchbindereien in Deutschland, „ein sehr sehr großer Laden. Sehr gut mit Büchern versorgt, viel aus Universitätsbibliotheken“. Nach zwei Jahren entschied sich Herr Klein, die Meisterschule zu besuchen. „Mein Vater sagte immer 'Wenn du meinst du kannst nichts mehr lernen, zieh weiter'“ und als ein Kollege klagte: „Mein Chef lässt mich nicht gehen. Ich muss erst einen Ersatz besorgen. Ich suche einen Handvergolder“, ergriff Dietmar Klein die Gelegenheit und sagte „Bin ich!“. Bei der Einstellungsprüfung sollte er „Titel prägen. Das heißt, Sie müssen gerade bleiben, die Zeilen parallel setzen - und das beim ersten Mal.“ Aber, es funktionierte nichts. Der Chef ließ die Prüfung laufen und sagte am Ende: „Herr Klein, kommen Sie mal ins Büro. Setzen Sie sich. Also, Handvergolder sind Sie keiner. Aber Sie können bei mir einer werden, wann wollen Sie anfangen?“ Daraufhin verbrachte Dietmar Klein „drei, vier wundervolle Jahre in der Firma“. In Berlin lernte er Regina Klein kennen. Mit der Zeit fragte Dietmar Klein seinen Chef, ob er vom Handvergoldewerkzeug „was abstauben könnte. Mein Chef meinte ‚jedes Mal wenn du zu mir zu Besuch kommst, darfst du ein Stück mitnehmen‘. Also, heiratete ich meine ehemalige Freundin, dann Verlobte und jetzige Frau“, sagt Herr Klein und wirft einen Blick zu seiner Frau hinüber, die schmunzelnd am Computer sitzt und die nächsten Termine für Buchbindekurse einpflegt.

(c) Bettina Pahlen, Regina Klein

Regina Klein ist ihres Zeichens ebenfalls Buchbindemeisterin, Einrahmungsfachfrau und leidenschaftliche Fotografin. Familie Klein betrieb einige Zeit ihre Buchbinderei in der Innenstadt Gelsenkirchens, zeitweise auch ein Einrahmungsgeschäft. Sie pendelten Jahrelang zwischen der Künstlersiedlung und der Innenstadt, bevor sie beschlossen anzubauen und ihre Werkstatt samt Presse, Klischéeprägepresse, Schnellschneider und einer Vorrichtung zur Erstellung einer Lumbeck’schen Klebebindung auf den Halfmannshof zu verlagern. „Ich frage mich, wie wir in der Lage waren, nach Feierabend noch hier die Werkstatt auszubauen“, scherzt Herr Klein.

Buchbindergesellin Marianne Nickel arbeitet im Atelier ihrer Eltern und gerne an ungewöhnlichen Buchformaten, zum Beispiel einem runden Buch. Ein „Buch für spitze Bemerkungen“, scherzt Herr Klein über ein dreieckiges Gästebuch. Ein Weinhändler bestellte eins „zum Entkorken“ für besondere Momente. „Jeder von uns hier kann und macht alles“, bestätigt Dietmar Klein, der Mitglied im Künstlerbund, dem Verband Deutscher Restaurateure und im IADA – Internationale Arbeitsgemeinschaft der Archiv-, Bibliotheks- und Graphikrestauratoren war. „Das Goldene Buch der Stadt Gelsenkirchen wurde hier hergestellt“, berichtet Herr Klein und zeigt die Urkunde, auf dem die handvergoldeten Blattränder mit Gelsenkirchener Motiven zu sehen sind. Er arbeitet momentan am Goldenen Buch der Stadt Allenstein (Partnerstadt von Gelsenkirchen), während Frau Nickel ein Lexikon aus dem Jahr 1580 „von der Pike auf“ restauriert. Dietmar Klein blickt mit einer tiefen Ernsthaftigkeit zum Arbeitsplatz seiner Tochter. Sein Vertrauen in ihr Können und seine Hoffnung für ihre Zukunft wird spürbar.

Manchmal ist, um ein Buch zu retten, auch Experimentierfreude gefragt. Einmal bekam Dietmar Klein „einen Plinius aus dem 14. Jahrhundert. Die Stadt Duisburg hatte während des Krieges ihre Bücher in einem Lastkahn versteckt. Der wurde aber getroffen. Alles war voller Schlamm und Öl. Zwei Bände waren blätterbar, aber eins war ein solider Block“. Während andere sagten, das wäre nur noch Brennholz, löste Herr Klein die Holzdeckel ab und hat „das Ganze in der Badewanne ersäuft. Wir hatten einen mobilen Backofen, den auf die höchste Heizstufe gestellt, das Buch hinein gelegt und den Ofen abgeklebt. Als irgendwann machte der Ofen Knackgeräusche, und als die Seiten sich nach außen dehnten, habe ich schnell die Abklebungen entfernt. Durch den Dampfdruck zwischen den Seiten lösten sie sich und das Buch ließ sich blättern“, sagt Herr Klein zufrieden.

„Ich habe Spaß daran, den Inhalt einer Geschichte auf dem Einband wiederzugeben“ erklärt Herr Klein. „Das hier sind Probeexemplare für die vierbändige Ausgabe von ‚Josef und seine Brüder von Thomas Mann', ohne finanzielle Begrenzung, was einen hohen Leistungsdruck erzeugte, das Ergebnis aber nicht beeinträchtigte „Wir bekamen den Auftrag“. Die Liebe zur klaren Linienführung und einer ausdrucksstarken Symbolsprache ist Markenzeichen der Einbände des Buchbinders. „Da braucht man fast das Buch nicht mehr zu lesen, um zu wissen, worum es geht“ beschreibt Frau Klein den Einband ihres Mannes zu Hertha Müllers Buch „Atemschaukel“. Eisenbahnlinien, Stacheldrahtzaun, Kreideweiß vermischt mit blutroter Farbe lassen erahnen – es handelt von der Zeit des zweiten Weltkrieges und Arbeitslagern, in denen Kreide abgebaut wurde.

Gemeinsam betreibt Familie Klein noch ein kleine Pension, ein „Künstlerquartier für Menschen, die mal ein wenig Abstand von allem brauchen oder einen Kurzurlaub im Ruhrgebiet machen möchten“, erklärt Frau Klein, die gerne den nah gelegenen Radweg nutzt und zur Erholung Touren durch das grüne Ruhrgebiet plant. Dietmar Kleins Blick fällt durch das große Fenster des Ateliers auf die renovierte Alte Schmiede und ehemalige Keramikwerkstatt der Künstlersiedlung Halfmannshof. Frau Klein erklärt den Verlauf der Veränderungen. „Es gab hier mal eine große Halle, die für Ausstellungen, Symposien und Kurse genutzt wurde“. Das Gebäude hatte ein markantes Aussehen, geprägt von  horizontal und vertikal angeordneten Fenstern, wie auf Frau Kleins Bildern noch zu sehen ist.

Heute steht an der Stelle ein Neubau, der wenig mit den übrigen Häusern der Künstlersiedlung gemeinsam hat. Das zweigeschossige Reihenhaus soll die strategische Neuausrichtung der Künstlersiedlung Halfmannshof symbolisieren. Ein paar Fotografien aus Regina Kleins Dokumentation tragen den Namen „...den Bach hinunter“. Der gesamte Prozess der Neuausrichtung hat nicht nur baulich tiefe Spuren hinterlassen. Dennoch wollen Regina und Dietmar Klein einen hoffnungsvollen Ausblick wagen. „Meine Hoffnung für den Halfmannshof ist“, sagt Herr Klein nachdenklich „dass wieder eine gesellige Gemeinschaft wächst“. Es ist ihnen sichtlich ein Anliegen, in einer Gemeinschaft zu leben, wo sich Gäste, bereits angekommene und zukünftige „Halfmannshöfer“ bei einer Tasse Kaffee Gesellschaft leisten und sich wohlfühlen.

(Bettina Pahlen)

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